Mateo schleift ein Holz stück im Scheckkarten format glatt. Dutzende dieser Quader liegen auf den Werkbänken der Ausbildungs werkstatt der Schreinerinnung Mün chen. Neben Mateo schleift, bohrt und klebt eine ganze Gruppe Jugend licher an diesen Holzplättchen herum; Vorbereitungen für den nächsten Messeauftritt der Schreine rinnung. Die Holzplättchen werden Namensschilder, die Messebesucher für sich personalisieren dürfen, der weil ihnen die Azubis die Besonder heiten ihrer Ausbildung bei der Schreinerinnung erklären – Berufso rientierung zum Anfassen. Weniger Theorie, gute Praktiker „Fachpraktiker für Holzverarbei tung“ heißt der dreijährige Ausbil dungsberuf, den hier junge Leute trotz Lernbehinderungen ergreifen. „Einer der Unterschiede zum Schrei ner ist, dass beim Fachpraktiker die Theorie weniger zählt. Das ermög licht es auch Lehrlingen beispiels weise mit einer Legasthenie oder autistischen Störungen, den Hand werksberuf zu lernen“, erklärt Sascha Wein, Geschäftsführer der Schreine rinnung München. Mateo ist diesen Weg bereits gegangen. „Ich habe Lernschwierig keiten, aber ich habe auch Fleiß und Ehrgeiz“, sagt der junge Mann offen. Er hatte eine reguläre Schreineraus bildung begonnen, im 2. Lehrjahr dann aber gemerkt, dass er es ohne Hilfe nicht schafft. In der Innung machte er den Fachpraktiker und sat telt jetzt den Schreiner obendrauf. „Ich habe sogar den Fritz-Hammerl Preis bekommen, weil ich nicht auf gegeben habe“, berichtet er mit neuem Selbstbewusstsein. Die meisten fassen Tritt Mateos Geschichte gilt in der Innung als Erfolgsstory. Aber auch die aller meisten anderen Azubis fassen über diese Ausbildung Tritt. 80 bis 90 Pro zent von ihnen finden hinterher eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, berichtet Wein. „Das sind junge Leute, die sonst durchs Raster fallen würden“, sieht Wein den Ausbildungsaufwand gerechtfertigt.
Dieser Aufwand ist hoch. Zwei Jung meister, ein Geselle mit Ausbildereig nung und ein Diplom-Sozialpädagoge leiten in Vollzeit die jungen Leute an, handwerklich wie sozial. „Wir geben hier Stütz- und Förderunterricht. Da bekommen sie zusätzliche Theorie einheiten, wir gleichen gezielt ihre Lernschwächen aus. Aber ich zeige ihnen auch, wie sie ihren Stress bewältigen können, denn viele haben Prüfungsangst“, beschreibt Dip lom-Sozialpädagoge Matthias Fritsch seine Rolle. Werkstattleiter Maximilian Rein hardt ist aufgrund seiner eigenen schweren Hörbehinderung sensibili siert für Beeinträchtigungen. „Ich will diesen Jugendlichen so viel wie möglich mitgeben, damit sie eine Chance haben, sich am Arbeitsmarkt zu etablieren“, sagt der Schreiner meister. Während der dreijährigen Ausbil dung zum Fachpraktiker fungiert die Innung als Ausbildungsbetrieb, die Azubis besuchen außerdem eine För derberufsschule und gehen für Prak tika in Betriebe. Fünf der aktuell 19 Azubis werden sogar kooperativ aus gebildet, Innung und Handwerksbe trieb teilen sich die Ausbildung; immer mehr Innungsmitglieder seien dazu bereit, freut sich Wein. Auch Mateo hat einen Ausbildungsbetrieb gefunden, in dem er von Dienstag bis Donnerstag arbeitet. Montags geht er in die Berufsschule, freitags profitiert er vom Stütz- und Förderunterricht der Innung.
Bis alle Azubis so strukturiert ler nen können, ist einiges an Vorarbeit nötig. „Anfangs ist es für 30 Prozent unserer Azubis schon ein Problem, dass sie täglich und pünktlich kom men müssen“, beschreibt Wein. Der Geschäftsführer besteht auf dieser Ordnung und wird dafür bisweilen auch streng: „Sie müssen pünktlich sein, sie müssen zuverlässig sein, sie müssen Zeiterfassung können, sie müssen Kommunikation lernen“, fasst er die wichtigsten Sozialkompe tenzen zusammen. Die Kosten der Ausbildung trägt die Bundesagentur für Arbeit, etwas, das Sascha Wein den Jugendlichen immer wieder klar macht: „Hier wer den zehntausende von Euro aus den Sozialkassen in sie investiert. Dann haben sie auch die Pflicht, sich einzu bringen.“ Wein und Fritsch ringen regelmä ßig um ein ausgewogenes Verhältnis von Handwerk und Sozialarbeit, von Strenge und gesunder Beziehung. „Wir spielen da durchaus mit dem good-cop-bad-cop-Prinzip“, kom mentiert Wein. Er weiß, dass er für seine Ansagen gefürchtet ist. Doch letztlich komme es darauf an, dass das Ergebnis stimmt, sind sich beide einig. Die Jugendlichen sollen ihren Abschluss schaffen und in Arbeit kommen – oder so wie Mateo sogar weiterlernen. Der möchte nach sei nem Gesellenbrief gerne in seinem Ausbildungsbetrieb bleiben. „Und wer weiß, vielleicht mache ich irgendwann sogar noch den Meister.“
Text und Bilder: DHZ, Barbara Oberst